Psychobiologie der Gefühle

Gefühle korrelieren mit dem Funktionshöhepunkt der kleinen Pyramidenzellen der Hirnrinde. Diese bilden zusammen das kortikale Zentrum des sympathischen und parasympathischen Nervensystems und sind das Organ der Gefühlswahrnehmung.

Die kleinen Pyramidenzellen liegen auf Reflexstrecken, deren afferente Schenkel an den inneren Organen innerviert werden, und die über die subkortikalen Zentren zur Hirnrinde laufen. Die efferenten Strecken enden an den kontraktilen Elementen der zugehörigen Organe.

Aus der Struktur der jeweils innervierten Fasern (zirkuläre, oblique, longitudinale) leitet Lungwitz fünf Grundgefühle ab:

 

 

Stellvertretend für jeweils eine Vielzahl von Gefühlen stehen die Begriffe Hunger, Angst, Schmerz, Trauer und Freude:
Hunger steht z.B. für Wille, Wunsch, Verlangen, Mut, Not, Durst, Sehnsucht usw.
Gestauter Hunger ist Hass, sein motorischer Ausdruck ist Wut.

Angst steht z.B. für Erwartung, Schwanken, Vorsicht, Scham, Hemmung usw.

Schmerz steht z.B. für das Gefühl der Trennung, der Entscheidung, des Überwindens, des Kämpfens, Leidens usw.

Trauer steht z.B. für das Gefühl der vollzogenen Trennung, des Verlassenseins, der Ermattung usw.

Freude steht z.B. für das Gefühl der Vollendung, des Erfolges, Befriedigung, des Glücks, der Sättigung usw.. Gestaute Freude ist Ekel (Übersättigung, Überdruss, Völlegefühl).

Gemäß dem modularen Aufbau der Hirnrinde in systemgenetischen Einheiten ist jedes Gefühl "gerichtet auf" einen Gegenstand mit dem zugehörigen motorischen Ausdruck (Emotion) oder auf einen Begriff.
Beispiele: Hunger auf Brot, Angst vor der Zukunft (Begriff).

Es gibt keine hundertprozentig reinen Gefühle. In verschiedenster Zusammensetzung sind auch immer Komponenten der jeweils anderen Gefühle "enthalten".
Beispiele für Mischgefühle: Hoffnung ist freudehaltiger Hunger, Trost ist freudehaltige Trauer.

Jeder Erlebens- und Verhaltenszyklus durchläuft die Phasen Hunger, Angst, Schmerz, Trauer und Freude in dieser Reihenfolge, wobei je nach Zyklus die einzelnen Phasen verschiedene Intensität und Dauer haben können. Jeder Zyklus ist integraler Bestandteil des nächst höheren Zyklus bis zum Lebenszyklus jedes Menschen.

 

 



Literatur
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Becker, Reinhold: Wunderlich, Hans-Peter (Hrsg.), 2004: R.W.H. Funk: Neuere Beiträge zur funktionellen Morphologie der afferenten Innervation und zentralen Repräsentation von glatt-muskulären Hohlorganen; Reinhold Becker: Die Gefühlslehre von Hans Lungwitz. Gefühle und Gefühlsausdruck, Thieme-Verlag 

Lungwitz, Hans1970: Lehrbuch der Psychobiologie, Band 1 und Band, 2. Auflage Berlin: Hans-Lungwitz-Stiftung 

Lungwitz, Hans 1947: Die Entdeckung der Seele. Berlin. De Gruyter Verlag,5. Auflage

Machleidt, Wielant, Gutjahr, Leopold, et al.,1989: Grundgefühle. Heidelberg.Springer-Verlag

 

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